Wednesday, September 3, 2008

MAX HERMANN-NEISSE (1886-1941)



ΕΞΗ ΠΟΙΗΜΑΤΑ


DIE BAUERNMAGD

Hinter einem ganzen Wall von Röcken
hat sie sich auf unsern Markt gebaut:
Braun wie Zeltdach knittert ihre Haut,
ihre Beine gleichen Knotenstöcken.

Mürrisch starrn die Lippen und verschlossen.
Handfest sicher und voll nacktem Hohn
denkt sie rechnend an den Wochenlohn
und wieviel von ihrer Zeit verflossen.

Manchmal träumt ihr Diebstahl, Sterbenmüssen,
Krach, die neue Heirat ihrer Mutter,
oder wie auf Feldern Zwei sich küssen -

Dann verhüllt sie sich mit ihrem Hasse
und erhöht den Preis von Milch und Butter
und bereichert ihre eigne Kasse. -


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DIE EISHEILIGEN


Die Eisheiligen stehen mit steif gefrorenen Bärten,
aus denen der kalte Wind Schneekörner kämmt,
früh plötzlich in den blühenden Frühlingsgärten,
Nachzügler, Troß vom Winter, einsam, fremd.

Eine kurze Weile nur sind sie hilflos, betroffen,
dann stürzt die Meute auf den Blumenpfad.
Sie können nicht, sich lang zu halten, hoffen;
so wüsten sie in sinnlos böser Tat.

Von den Kastanien reißen sie die Kerzen
und trampeln tot der Beete bunten Kranz,
dem zarten, unschuldsvollen Knospenglück bereiten sie hohnlachend Schmerzen,
zerstampfen junges Grün in geisterhaft verbissnem Kriegestanz.

Plötzlich mitten in all dem Toben und Rasen
ist ihre Kraft vertan,
und die ersten warmen Winde blasen
aus der Welt den kurzen Wahn


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ZERSTÖRTE WELT


Wieviel Freundschaft ist verdorben,
seit Verrat sich wohl belohnt.
Hat man gestern dich umworben,
heut verleugnet dich die Welt.
Die Begründer sind gestorben,
und ihr letzter Erbe wohnt
einsam im Nomadenzelt.

Mädchen spielen jetzt Spione,
Mütter hetzen in den Mord,
und der Vater wird vom Sohne
ausgeliefert dem Schafott.
Güte gilt dem Gassenhohne
weniger als nichts. Verdorrt
ist in dir die Blume Gott.

Auch in meinem Herzen lauert
Bosheit, die sich rächen will.
Die entmenschte Seele trauert
um verlernen Kindersinn.
Alle Gärten sind vermauert,
Nachtigallen bleiben still,
und die Hoffnung ist dahin.

Die Gerechten sind gestorben,
nur der Frevler wird verschont,
hündisch alle Macht umworben,
jeder Grausame heißt Held.
Alles Leben ist verdorben,
seit sich der Verrat belohnt,
und zur Wüste wird die Welt


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EIN DEUTSCHER DICHTER BIN ICH EINST GEWESEN


Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

In ferner Fremde mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.


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MIR BLEIBT MEIN LIED


Mir bleibt mein Lied, was auch geschieht,
mein Reich ist nicht von dieser Welt,
ich bin kein Märtyrer und Held,
ich lausche allem, was da klingt
und sich in mir sein Echo singt.
Ob jedes andre Glück mich flieht -
mir bleibt mein Lied.

Schutzengelhaft gibt es mir Kraft,
denn seine Melodie beschwört
das Böse, das den Frieden stört,
doch nicht in meinen Abend dringt,
den zärtlich die Musik beschwingt.
Ob sich der Himmel schwarz umzieht,
mir bleibt mein Lied.

Was lärmend schallt, ist bald verhallt,
mißtönende Vergangenheit,
die nur die eigne Schande schreit,
wenn maßvoll mit holdseligem Ton,
in fast jenseitiger Klarheit schon,
mein Lied auf seinem Abschiedspfad
den Sternen naht ...


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BÄUME IM EXIL


In der Stadt verlornen Zwischenräumen,
die sich überheblich Gärten nennen,
läßt sich, rauscht es herbstlich in den Bäumen,
die Musik der Wälder noch erkennen,
singt das Ungebundne seine Sage,
Lieder längst versunkner Paradiese,
und gedenkt bewegter Wildnistage
mit dem herben Duft der nahen Wiese
und der Stämme seltsam heisrem Knarren,
wo der Wasserfall am Felsen schallte
und ein Quell, verborgen unter Farren,
die geheimnisvolle Losung lallte,
wo vielleicht ein Liebespaar, umschlungen,
wesensgleich den Wolken und den Winden,
eins von den erwählten, ewig jungen,
durfte eine Spur der Gottheit finden.
Aber, nahn die Abendschatten schneller,
liegen die entlaubten Baumskelette
grau, verkommen in dem Nebelkeller,
wie Gefangne, hilflos an der Kette,
magre Arme durch das Dunkel schwingend,
daß der Straßen Gnade sie beachte,
ihnen ihre Freiheit wiederbringend,
sie erlöse aus dem Häuserschachte.
Doch des Lebens ungerührtes Treiben
sieht verächtlich auf die dürren Besen,
und verlassen, irr vor Ohnmacht bleiben
die um ihre Welt gebrachten Wesen,
wie in allzu engen Käfigräumen
Tiere rastlos auf und nieder rennen,
daß Verbannte in den Unglücksbäumen
nur das eigne Fremdlingslos erkennen.

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